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Gestapo und Kollaboration

Die geheime Staatspolizei, Konfidenten und Angeber wurden zu den Hauptfeinden des einheimischen Widerstandes. Ihre gegenseitige Zusammenarbeit war umso mehr wichtiger, je geringer die Anzahl der Mitglieder jeder Dienststelle der geheimen Polizei war. In den Regionen Pardubice und Hradec Králové entstand eine gefährlicher Angeber-Organisation Die Arische Arbeitsfront, die auch die Gruppe Silver A bedrohte.

Kurz nach dem Eintritt der deutschen Truppen in die geschmälerte Tschechoslowakische Republik im März 1939 entstanden auf dem Gebiet Böhmens elf Außendienststellen der geheimen Staatspolizei (4). Die Rolle des Protektoratsgestapos bei den Nationalsozialismus-Verbrechen übersteigt hoch die Repressionsformen, die in den benachbarten Ländern üblich waren. Bei den direkten Militäroperationen  starben auf der Ost- und Westfront zwischen den Jahren 1939-1945 ungefähr zwölftausend tschechoslowakische Soldaten, während achttausend Zivilisten in den Befreiungskämpfen sowie im Verlauf der Bündnis-Flugbombardierung ums Leben kamen. Die Gestapo und der Sicherheitsdienst SD, als Pfeiler des Okkupationsregimes, standen hinter dem Tod der geschätzten Viertelmillion von Opfern aus der Tschechoslowakei, die bei Vernehmungen, auf den Hinrichtungsplätzen und in Konzentrationslagern ermordet wurde. Die Dienststelle der geheimen Polizei in Pardubice siedelte im Gebäude des „Oberlandrats“ von Pardubice. Die geschätzte Anzahl ihrer Opfer schwankt zwischen 5 - 14 Tausend. Je weniger Mitglieder der geheimen Polizei, um so mehr musste sich das repressive Apparat auf die einheimischen Zuträger stützen.

Als Hauptgegner der erfolgreichen Tätigkeit der Gruppe Silver A stand die deutsche geheime Staatspolizei (die Gestapo). Die nächstgelegene Gestapo-Dienststelle war diejenige in Pardubice, die im Juni 1942 neunundzwanzig Beamte für die Kontrolle von ungefähr 450.000 Menschen hatte. Die Anzahl der Angestellten versus der Anzahl der kontrollierten Bürger sagt klar aus, dass ohne Hilfe der einheimischen Bevölkerung die Okkupationsmacht nicht so eine große Anzahl von Bürgern zu beherrschen könnte. Die Angehörigen der geheimen Polizei  fuhren in die nahe sowie fernliegende Umgebung  zu Kontrollen sowie für Lebensmittel.

In den Bezirken der Gestapo in Pardubice und Hradec Králové war seit 1939 die tschechische Kollaborationsorganisation Die arische Arbeitsfront (Árijská pracovní fronta - APF) tätig. Die Organisation hatte keinesfalls eine verzweigte Mitgliedschaft, schätzungsweise zählte sie 500 Mitglieder. Mit ihrem Programm und der tiefen Überzeugung über die Richtigkeit der nazistischen Weltanschauung reiht sie sich zu den fünf gefährlichsten tschechischen Organisationen. Bei der deutschen Okkupationsmacht erwarb sich diese Bewegung niemals das Vertrauen und eine bedeutendere Unterstützung, aber sie konnte ihre heimtückische Bereitschaft zur Angeberei nutzen. An der Spitze dieser Gruppe von Kollaborateuren stand der nicht ausstudierte Maschineningenieur Bedřich Opletal, der auf Grund seines Verhaltens zu Beginn der Okkupation jedenfalls keine Beliebtheit seiner Mitbürger in Sezemice bei Pardubice (aus derselben Gemeinde stammte auch der Führer der Gruppe Silver A Alfréd Bartoš), sowie der nazistischen Okkupanten gewann (5).

Der Leiter der Gestapo-Dienststelle in Pardubice war in den Jahren 1939 - 1943 Gerhard Clages. Die leitenden Beamten der einzelnen Referate (Rechtswiderstand, kommunistischer Widerstand, "Juden") waren Reichsdeutsche, jedoch auf die leitenden Positionen wurden auch die ehemaligen tschechoslowakischen Deutschen aus den Sudeten eingesetzt. Für die örtlichen Bürger und Widerstandskämpfer wurden die Namen Walter Lehne (Vertreter von G. Clages), Walter Kröger, Ernst Linsel oder Josef Kuchler zu Synonymen für außerordentlich gefährliche Gewalttäter. Die Gestapo wird oft als eine Organisation von anonymen Beamten dargestellt, die über dem Gesetz stehen und die in einem bestimmten Maß ein ungleichartiges Bestandteil der örtlichen einheimischen Gemeinschaft sind. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Gestapo integrierte sich in die Gesellschaft sehr schnell. Die Angehörigen der geheimen Polizei in Pardubice wohnten im Stadtzentrum in der U stadionu-Straße, in der unmittelbaren Nähe des Schlosses in Pardubice. Sie waren somit kaum wenige Minuten von der Hauptkonspirationswohnung des Ehepaars Krupka in der Pernerova-Straße, wo im Frühjahr 1942 die Mitglieder der Fallschirmtruppe Silver A tätig waren, entfernt. Die Zugehörigkeit zu dem Elitenorgan des nazistischen Apparates brachte eine Reihe von materiellen und sozialen Vorteilen mit. Wenn wir die Alltäglichkeit aus dem Blickwinkel des Gestapo-Mitgliedes betrachten, dann war seine Hauptmotivation die Sicherung der eigenen Zukunft, ob schon mittels des Vermögenserwerbes, eines Karrierewachstums oder der Vernichtung der Gegner.

Das illustrierte Tableau mit der Bezeichnung „Julfest 1941, Adst. Pardubitz“ (Außendienststelle Pardubice) fertigte ein unbekanntes Gestapo-Mitglied in Pardubice als eine Erinnerung an das Fest der Wintersonnenwende aus (6). Der Reichsleiter der SS und der Polizeigeneral Heinrich Himmler lebte sich schon seit Beginn der nazistischen Bewegung in der heidnischen Mystik aus. Zu den neu verehrten Festen, in denen der Nazismus seine ideologische Stütze sah, gehörte der Kult der altgermanischen Vorfahren und der Traditionen. Die längste Nacht des Jahres war vom Geheimnis und den Märchenmotiven umgeben. Für die Nazis wurde sie zu einer metaphysischen Verbindung zu den mythologischen Vorfahren des idealisierten frühen Mittelalters, dessen Ideale in der nahen Zukunft realisiert werden sollten.

Das erhaltene Tableau, das aus einer Collage von Porträtaufnahmen und Illustrierungen besteht, enthüllt das innere, oft informelle Leben der geschlossenen Kommunität. Die gute Stimmung aus den militärischen Erfolgen der nazistischen Armeen am Ende des Jahres 1941 zeugte über einen unaufhörlichen Optimismus und die wachsende Macht der einzelnen Mitglieder der geheimen Polizei. Das rezessive Tableau steht in einem offensichtlichen Kontrast zu dem offiziellen Gruppenbild. Im Unterschied zu den schlichteren Fotografien der uniformierten Männer in einer "festen Formation" stellt das Tableau eine gelockerte Atmosphäre dar. Es zeigt sich hier der scharfe Kontrast der äußeren Präsentation der autokratischen Nazis zu dem inneren Leben der Gruppe.  Die Übertreibung stellt uns Clages als einen leidenschaftlichen Fahrer dar, während Lehne seinen Wagen hätschelt. Die Glossen ergänzen die visuelle Gestaltung um Kommentare - Josef Krebs ruft Clages zu: „Zu Befehl, sicher Herr Kommissar!“, Gottfried Escherlohr übermannt an der Bar „er vergaß sein Geld“, oder Rudolf Keller klopfend an die Tür des Leiters mit dem Kommentar „Ich weiß etwas…“.

Das illustrierte Tableau könnte das Attribut "unbekümmert", "harmlos" oder "unschuldig" tragen. Jedoch erst die Einsetzung in breitere historische Zusammenhänge enthüllt die überraschende Pointe. Wie es sich in den Nachkriegsjahren zeigte, war es sehr schwierig die einzelnen Gestapo-Mitglieder bei den konkreten Straftaten zu identifizieren. Ein großes Problem für die tschechoslowakischen Untersuchungsführer stellte der Mangel an Porträtfotografien dar, die den wenigen überlebenden Zeugen bei der Identifizierung helfen würden. Bis tief in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts blieben die Fonds des Berliner Dokumentationszentrums geschlossen, in denen von der amerikanischen Armee fast 11 Millionen Karten der NSDAP-Mitglieder (90 %) und 600.000 Personalakten der SS-Mitglieder angesammelt und aufbewahrt wurden.

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